OSC BREMERHAVEN - TRIATHLON

Olympischer Sport-Club Bremerhaven v. 1972 e.V.

Ironman in Österreich überstanden

Start zum Ironman

- Langsam ins Ziel getrudelt -


So einfach ist das also: Deine kleine Tochter kommt forschen Schrittes auf dich zu, du beugst dich zu ihr herunter und sie sagt mit ernster Mine aber den Schalk im Nacken: „Papa, ich habe einen unglaublichen Tipp für dich: Lauf doch einfach langsam los und werde dann immer schneller“. Sie heißt Madita und sie hat ihren Namen zu recht verdient, wie wir immer wieder durch ihre klugen und witzigen Äußerungen feststellen können.


Die Vorgeschichte

Das Ganze hat natürlich eine Vorgeschichte die ich dem aufmerksamen Leser natürlich nicht vorenthalten möchte und auch nicht darf, denn das wäre unklug. Es begann so, als würde man einen Film drehen. Mal ganz abgesehen davon, sind viele Begebenheiten die sich bei uns zu Hause abspielen natürlich filmreif. Und das begann in etwa so:
Es war noch nicht richtig Sommer und auch noch nicht Winter, aber es war an der Zeit, dass wieder einmal das Familiengericht tagte. Dies meinten zumindest meine lieben Mitbewohner, mit denen ich bisher friedlich über lange Jahre in Gnade und voller Demut zusammenleben durfte. Bisher war ich immer der Meinung, dass nur einer das Sagen in unserer kleinen Familie hat und ich sei auch derjenige, der alle anderen Geschehnisse und die alltäglich anfallen Kleinigkeiten einfach über die Köpfe der anderen hinweg bestimmen konnte. Ich hatte mich aber jahrelang grundlegend getäuscht und unsere Familiengeschichte muss nun wohl neu geschrieben werden. Ich bin also eine Minderheit, eine Rand(kleinst)gruppe.


Das Familiengericht

Das Familiengericht tagte mal wieder. Normalerweise bin ich der Vorsitzende. Diesmal aber saß ich auf der Anklagebank. Auf einem kleinen, tiefen Schemel an der Längskante unseres zwei Meter langen Küchentisches. Hier wurde ich völlig alleine gelassen. Mir gegenüber saßen die Vertreter der Anklage, mit schwarzen Roben unkenntlich gemacht und hoch aufgebaut als würden sie unsere 20 Meter hohe Kastanie im Garten übertrumpfen wollen. Sie waren dem Himmel so nah und für einen kurzen Augenblick sah ich über ihren Köpfen Heiligenscheine und Flügel. Den Vorsitz hatte die überaus Kluge und mit besonderen salomonischen Urteilskräften ausgestattete und immer das letzte Wort habende Richterin Mutti (ihre Schüler nennen sie zwischendurch auch schon mal „Mutti“) spontan übernommen. Im Zivilleben steht sie mir normalerweise als Ehefrau hilfreich in allen Lebenslagen zur Seite. Zur ihrer Linken saß die mit einer schweren persönlichen hormonbedingten pubertären Phase behafteten Beisitzern, die mich scharfzüngig Niederreden würde, wenn ich nur den Mund zum Luftholen öffnen würde. Folge dessen hielt ich während der gesamten Sitzung die Luft an. Im Normalfall und im Besonderen ist Marlene eher ein sehr liebes Mädchen, die mich schon bei ihrer Geburt anlächelte und mich fortan spontan als leiblichen Vater akzeptierte, obwohl ich mit so vielen Ecken und Kanten behaftet bin. Sie darf sich deshalb auch meine älteste Tochter nennen.
Zur Rechten der altehrwürdigen Richterin saß ein weiblicher Spaßvogel, eine durch unglaubliche Gedankengänge überzeugende Nachdenkerin. Sie ist meine jüngste Tochter und ich denke, dass sie von der ehrwürdigen Richterin nicht geboren, sondern geklont wurde. Überwiegend macht sie mein Herz lachend. Wahrscheinlich wird sie mal Bürgermeisterin von Nesse. Sie wird ihren Weg machen.
Um die Spannung vorweg zu nehmen: Hier wurde nicht Recht gesprochen, denn ich wurde überstimmt. „Der Pappi soll wieder einen Ironman machen, dann ist er immer so gut drauf“. Das war das Urteil der drei Damen von der Richterei. Es schien sich offensichtlich um ein Schnellgericht zu handeln. Mir fehlte im wahrsten Sinne des Wortes die Luft zum Atmen. Nun gut dachte ich, wenn es alle so wollen, gebe ich mich zwangsläufig geschlagen und gehe dieses im allgemeinem Sprachgebrauch „moderne Abenteuer“ zum siebten Mal an. Eigentlich wollte ich ja nicht mehr, aber unter Androhung von schlimmen Konsequenzen konnte ich nicht anders.


Sportrente

Irgendwie war mir sowieso nicht wohl bei dem Gedanken, ein Jahr lang zum Nichtstun verdammt zu sein. Trotzdem war ich anfangs froh, nicht mehr dieses aufwändige Training zu absolvieren um den Ironman zu bestehen, denn es ist nicht immer einfach bei Regen, Wind, Kälte, Hagel, Schnee und Nebel wie ein Irrer lange Strecken zu trainieren, wenn die anderen „normalen Menschen“ hinterm Ofen sitzen. Später im Laufe des Jahres wurde ich fast wahnsinnig und dachte schon an Sportrente. Mir fehlten ganz einfach die überlangen Trainingseinheiten, die langen Passagen des Alleinseins um über Alltags- und Weltprobleme nachdenken zu können, das sehr unterschiedliche Wetter in unserer gemäßigten Klimazone, die verschiedenen schönen Strecken und die Zufriedenheit nach dem Training. Ich hatte schon den Gedanken an eine weitere sportliche Karriere im Langstreckentriathlon aufgegeben und wollte mich aufs Altenteil zurückziehen, irgendwo in eine dunkle Ecke wo mich niemand findet. Und nun das.


Rainer

Was wäre ich ohne ihn? Er ist mir bei solchen großen Events stets zur Seite. Diesmal hat er sich extra eine Woche Urlaub genommen um mich zu unterstützen. Als Manager einer bekannten Glasfabrik macht er u. a. auch Brillengläser die wir auf der Nase haben, um dieses hier zu lesen. Er ist voll bis über beide Ohren mit Arbeit, trotzdem war er mit dabei, um während des Rennens zuverlässig und pünktlich wie ein Uhrwerk an den verabredeten Stellen an der Wettkampfstrecke zu stehen. Mein Schwager Rainer ist seit fünf Jahren Witwer, er lebt ziemlich alleine und ist wohl immer ganz froh, dass ich ihn aus seinem grauen Alltag heraushole und ihn unter Menschen bringe. Zusammen sind wir mit dem Wohnmobil nach Österreich zum Ironman-Schauplatz in Kärnten nach Klagenfurt gefahren.


Nun geht’s los

Nachdem wir uns in Klagenfurt akklimatisiert hatten, war auch schon der Wettkampftag. Morgens um sieben fiel der Startschuss und es gab kein zurück mehr. Der Puls stieg in ungeahnte Höhen in Richtung Herzinfarktgrenze und schon begann das, was ich befürchtet hatte: Über 2000 Athleten wollten schon beim Schwimmen den ersten Platz belegen. Wie die Lemminge ging es todesmutig ins Wasser um von Fußtritten gepeinigt und mit beschlagener Schwimmbrille das Schwimmziel in 3,8 Kilometer Entfernung zu erreichen. Bei der Masse an Schwimmern hilft einem „DLRG-Silber“ bei möglichen Unfällen auch nicht weiter. Ich hatte keine Ahnung wie schnell oder wie langsam ich war. Meine Stoppuhr wurde bei etwa 21 Minuten ausgetreten und die riesige Wettkampfuhr am Schwimmziel hatte ich übersehen.

Spätestens jetzt besann ich mich auf mein eigentliches Vorhaben: Ich wollte nur den Wettbewerb als Finisher beenden. Die einzelnen Zeiten waren mir egal. Und schon ging es nach dem ersten sehr ruhigen Wechsel aufs Rad. Das Radfahren bestand aus 3 Runden von jeweils 60 Kilometer. Die ersten beiden Runden waren noch schön zu schaffen, sieht man mal davon ab, dass mir beim Schalten in einen kleineren Gang zweimal die Kette vom Blatt absprang und meine Hände aussahen, als hätte ich gerade Ölwechsel am Auto gemacht. Holger hatte mal wieder recht: Die dritte Runde am Berg hatte es in sich. Mit rasanten acht Stundenkilometer ging es Richtung Zenit und ich war froh, dass ich nicht rückwärts vom Berg runtergerollt bin. Die ersten Athleten und späteren Sieger-Typen hatten mich schon längst überrundet.

Das Radfahren war überstanden und nun brauchte „nur“ noch ein Marathon gelaufen zu werden. Wieder ließ ich mir viel Zeit beim Wechsel, bzw. beim Umziehen. Schon beim ersten Laufkilometer bekam ich die ersten Krämpfe im linken Oberschenkel. Die Schmerzen zogen sich wie ein roter Faden durch den gesamten Lauf und ich musste zwangsläufig sehr oft gehen. Insgesamt bin ich auf der Laufstrecke fünfmal an meinem Schwager Rainer vorbei gekommen und habe ihm immer eine kleine Geschichte bei jedem Stopp erzählt, damit ihm nicht langweilig wird und er nicht vor Erschöpfung den Wettkampf abbricht und mir womöglich noch seine Hilfe verweigert. Von meiner Verfassung soll hier lieber nicht gesprochen werden. Nur eins soll verraten werden: Es war mit Sicherheit kein Zuckerschlecken. Innerhalb dieses Wettkampfes war das mein 41. Marathonlauf und gleichzeitig mein langsamster. Peinlich! Nach langen 12:46:06 Stunden Ironman hatte ich keine Lust mehr verspürt, mich in irgendeine Richtung zu bewegen.


Psychotrip Ironman

Ein Spitzen-Triathlet hat einmal gesagt, dass sich ein Ironman-Wettbewerb zu 80 % im Kopf abspielt. 20 % bleibt für den Körper übrig. Dem kann ich nur beipflichten, denn wer sich nicht mental auf diese extreme Art der Fortbewegung einlassen kann, hat verloren. Da nützen einem auch die schönsten Muskeln nichts. Was ich aber im einzelnen so erlebe während eines Rennes, darüber habe ich mich mit anderen - soweit ich mich erinnern kann - noch nie gesprochen, deshalb weiß ich auch nicht wie es anderen psychisch im Ironman-Rennen ergeht. Bei extremen sportlichen Leistungen ist es bei mir immer so, dass ich alle äußeren Einflüsse abschalten kann und ganz tief in mich hinein horche. Es ist dann so, als würde ich neben mir herlaufen, mich selbst beobachten und mit mir unterhalten. Für einen kurzen Moment kommen dann Erinnerungen aus meiner Kindheit hoch, wie in einem schlimmen Traum. Meistens geht es dabei um den frühen Verlust meiner Eltern. Wenn sie sehen könnten, was ich hier treibe! Auch meine Kinder spielen dann in meinem Kopf eine sehr große Rolle und nehmen somit auch den größten Platz in meinem Leben ein und ich wünsche mir auch hier - wie im Triathlon - die Kraft und Ausdauer zu haben, damit ich sie in allen Lebenslagen unterstützen kann. Und ich wünsche beiden dann immer, bis sie eigenständig auf den Beinen stehen können, dass sie eine gute und wohlbehütete und beschützte Entwicklung durchleben können und dürfen. Und sie sind in diesem Moment nicht bei mir und dann tut es wieder überall weh.


Endlich zu Hause

Endlich wieder zu Hause, geht man noch einmal sämtliche durchlebten Eindrücke durch und stellt fest, dass der „Ironman“ gut tut, denn am Ende eines sehr langen Tages fühlt man sich befreit vom körperlichen und psychischen Druck. Man hat sich auf seine außergewöhnliche mentale Stärke eingelassen, man hat andere mit seinen Problemen nicht belastet und man kann irgendwie befreit in die Zukunft blicken. Es sei denn, man kann einen überdimensionierten Muskelkater der von den Zehenspitzen über die Fingerspitzen bis hin zu den Haarspitzen geht, als angenehm empfinden. Grobmotorische Bewegungsabläufe sorgen im Übrigen dafür, dass man nicht zu schnell und zu übermütig das Training wieder aufnimmt. Das Wechselspiel aus Seelenschmerz und Körperqual hat nun erst einmal für längere Zeit ein Ende. Der Schmerz vergeht und der Ruhm bleibt. Man spürt, dass man lebt und das ist auch gut so. Und das ist es auch was einen Ironman-Wettbewerb ausmacht.

Mein 7. Ironman hat mir Glück gebracht. Ich habe die Reise ins Ungewisse gut und unbeschadet überstanden, habe während des Rennens tiefste Tiefen und höchste Höhen durchgemacht, sozusagen Himmel und Hölle erlebt und Schmerzen geduldig ertragen. Ich bin wieder einmal voller Respekt und Demut dieser Langstrecke gegenüber getreten und bin angekommen. Aber im Ziel bin ich lange noch nicht.


Fernbedienung

Ich bin gerne zu Hause. Hier ist alles, was ich habe: Meine beiden lieben Kinder, eine liebe- und verständnisvolle Ehefrau, eine bekloppte Katze, meine Prinz-Eisenherz-Hefte, meine schöne schwarze Musik und eine wunderschöne formschöne und praktische Fernbedienung, die zum Einsatz kommt, wenn die Beine nicht mehr das machen, was der Kopf will.

Plötzlich höre ich - noch leicht benommen - aus der Küche Gemurmel und Stühlerücken. Drei verwegene Gestalten in schwarzen Roben nehmen auf der einen Seite des zwei Meter langen Küchentisches Platz. Ihnen gegenüber steht ein kleiner, tiefer Schemel. Ich ahne Schlimmes und sprinte wie ein Geisteskranker durch die Küche in den Garten, zerre den Rasenmäher aus der Bude und vertiefe mich mit gesenktem Haupt in die Pflege der mittlerweile verwilderten Grünanlagen. Ich könnte aber auch mal wieder die Straße fegen oder hier und da noch was anschrauben. Auf jeden Fall verweigere ich ab sofort die Teilnahme am Familiengericht für ein Jahr.

 

Karl-Heinz Thomas

 

letzte Änderung: 01.06.2007
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